"Lasst Blumen sprechen" oder "etwas durch die Blume sagen" oder sich "blumig ausdrücken" - diese geflügelten Worte zeigen die Bedeutung der Blumen in unserer Sprache. Auch: "Vielen Dank für die Blumen" (eine verblümte Kritik) oder "etwas unverblümt aussprechen" sind Redensarten, die man kennt.
Geschichte der Blumensprache – „Selam“
Eine ganz besondere Bedeutung hat und hatte seit jeher die Blumensprache in Liebesbeziehungen. Denn früher hatten Liebende nicht so wie heute die Möglichkeit, sich ungezwungen zu treffen - es ging (öffentlich) sehr züchtig zu. Und so legten sie also ihre innigsten Geständnisse, Klagen, Wünsche und Bitten in ihre Blumensträuße.
Die Blumen waren damals der Code für das, was man sagen oder fragen wollte, aber nicht auszusprechen wagte (in der heutigen modernen Zeit ist kaum noch vorstellbar, dass man etwas nicht zu sagen wagte, oder vielleicht doch?). Wer die Blumensprache beherrschte, konnte sehr beredt seine(n) Liebste(n) überzeugen, ganz ohne Worte.
Ein Strauß aus Chrysanthemen, Farn, Geissblatt, Gladiole, Geranie und einer leicht überfälligen Rose bedeutete "Sei nicht so stolz! Lass mich hoffen, denn ich bin noch frei. Ich mache nicht gern viele Worte. Drum triff mich an der bekannten Stelle in einer Stunde".
Die englische Schriftstellerin, Lady Mary Wortley Montagu, begleitete 1716 ihren Ehemann, Edward Wortley Montagu, Mitglied des englischen Parlaments, nach Istanbul an den Osmanischen Hof. Seine Tätigkeit als Botschafter wurde auf ein Jahr begrenzt, doch die Eheleute blieben bis 1718 in der Türkei.
So verdankte sie der Tatsache, eine Frau zu sein, den Zutritt in Harems und Dampfbäder und konnte sich dort mit den Haremsdamen austauschen.
Von ihnen wurde sie in die Kommunikation mittels Pflanzen und Blumen, des „Selam“ eingeweiht. Dieser enthielt nicht nur die alphabetische Auflistung der Blumenarten und Farben, sondern auch Anweisungen, Blumen in bestimmter Art und Weise zu arrangieren. Auch gab es genaue Definitionen von Aussagen, der „Blumenkombinationen“. Lady Mary erhielt detaillierte Angaben, über den „sprachlosen“ Informationsaustausch der Haremsdamen mit der Außenwelt. Ihre Erkenntnisse fasste sie in den 1718 veröffentlichten „Briefen aus dem Orient“ zusammen und löste damit beim europäischen Adel eine Modewelle aus.
Nun waren Blumen nicht alleine mehr Zeichen der Liebe und Galanterie, sondern konnten auch Beleidigungen, Vorwürfe, und Verwünschungen zum Ausdruck bringen. Es entstand eine recht eindrucksvolle Zeichensprache, mit der auch präzise Zeitangaben gemacht werden konnten. So schlugen verwelkende Rosen bei einem Rendezvous die erste Stunde vor, Heliotropen die zweite.
1814 erschien das erste deutsche Blumensprache-Buch in Leipzig, das wahrscheinlich - da ohne Verfasser - eine Übersetzung des 1811 veröffentlichten - ersten eigentlichen Buches über die Blumensprache - von B. Delachénaye ist: "ABC der Blumensprache".
Anonym erschien dann 1821 der beliebte "Der Selam des Orients oder die Sprache der Blumen" des Berliners Johann Daniel Symanski (1789-1857), aus dem noch heute zitiert wird, Ende des 19.Jhds in Erfurt die "musikalische Blumensprache" von Elise Polko.
Der „Selam“
Ein bis heute einzigartiges Sammelwerk ist "Selam oder die Sprache der Blumen", anonym und ohne Jahresangabe zu Beginn des 19. Jahrhunderts veröffentlicht. Auf mehr als 600 eng bedruckten Seiten der 2. Auflage reiht der Herausgeber, vermutlich J. D. Symanski, alphabetisch nach Pflanzennamen geordnet Blumengedicht an Blumengedicht.
Namensgebend für das Buch ist ein Kapitel, in dem die gesamte Blumensprache des "Selam" (wie Salam, arabisches Grußwort) aufgelistet wird. Aus der Fülle der zeitgenössischen Blumensprachen ragt dieses Werk durch seine kritischen Kommentare heraus. Und durch das Bemühen, zu einer systematischen und vollständigen wissenschaftlichen Ausgabe des vorhandenen Wissens zu kommen.
Eine ähnliche Sammlung aus der Zeit ist das "Taschenbuch der Blumensprache oder Deutscher Selam" von J.M. Braun, 1843 erschienen, „allen edlen deutschen Jungfrauen gewidmet, später noch ein zweites Mal aufgelegt. Darin werden auch so wilde Vertreter wie die Gundelrebe, das Alpen-Schildkraut, Hypericum und der ganze Wald an sich bedichtet.
Beide Bücher sind in Deutschland rar, den Selam gibt es in zwei Bibliotheken, natürlich nur im Lesesaal zu benutzen.
Dichter, Komponisten und Maler benutzten Blumen in ihren Werken als Symbol; viele Blumenstilleben des 17. Jhdts. sind deshalb mit Kenntnis der Blumensymbolik besser zu verstehen.
Jede Blumensorte, jede Schleifenbindung am Strauß, ob hängende Blüten oder aufrecht stehende – alles hatte eine Bedeutung. Manche Bedeutungen waren so präzise, dass beispielsweise die Bitte um ein Rendezvous verwelkende Rosen für die erste Stunde vorschlugen, die Vanilleblume (Heliotrop) für die zweite usw. Alles hatte seine feinsinnige Bedeutung - eine nach rechts gebundene Schleife meinte den oder die Beschenkte, nach links gebunden galt die jeweilige Aussage dem Geber. Nach unten gerichtete Blüten kehrten den Inhalt der Aussage ins Gegenteil um!
Im viktorianischen Zeitalter ließ der Mann seiner Auserwählten zum Ball Ansteckblumen überbringen. Erhielt er das Blumenbouquet zurück, war das schon eine Absage: "ich bin nicht interessiert". Aber dann kam es noch darauf an, wie die Empfängerin, behielt sie es, das Bouquet zum Ball trug: im Haar bedeutete auch: "Es gibt für uns keinen Weg, zusammen zu kommen", an die Brust gesteckt : "Ich bin interessiert, aber ich habe noch jemanden anderes im Auge". Nur wenn sie es über dem Herzen ansteckte, konnte er hoffen, denn das hieß: "Ich liebe dich auch".
In der heutigen Zeit ist es nicht mehr zwingend notwendig seine Worte und Gefühle hinter Blumen zu verstecken, doch wäre es manchmal sicher der diplomatischere Weg.
Wie bei allen Sprachen funktioniert dieser "sprachlose" Austausch natürlich nur, wenn der Empfänger der Blumen die Sprache ebenfalls beherrscht. Ein kleines Buch zusammen mit einem Blumenstrauß verschenkt, könnte die Kommunikationsmöglichkeiten auf ungeahnte Weise erweitern und wäre eine originelle Aufmerksamkeit. Bücher zum Thema Blumensprache erscheinen in der letzten Zeit wieder sehr häufig... sind überall erhältlich.